Das Dilemma der Öffnung

Wolfgang Raike, seit April neuer Vorsitzender des Tourismusverbandes Hamburg e. V., im Interview.

Wolfgang Raike

- Die über 10.000 Unternehmen im Hamburger Tourismus- und Freizeitbereich können auch nach der Lockerung der Corona Maßnahmen bei weitem nicht an die Umsätze des Vorkrisenjahres anschließen. Sowohl der stationäre Einzelhandel in der City als auch die Hotels, Restaurants und die vielen Freizeitattraktionen verzeichnen meist hohe zweistellige Umsatzrückgänge. Wolfgang Raike, langjähriger Kenner des Hamburger Tourismus, sieht verschiedene Auswege aus der Krise für die Branche.

 

Was macht den Unternehmen im Tourismus zurzeit zu schaffen?

Nicht nur die Hygieneauflagen machen den Unternehmen zu schaffen, es fehlen vor allem die Kunden. Der Tourismus in der Stadt ist noch nicht richtig angelaufen - nationale Besucher bleiben aus und die Hamburger sind sehr zurückhaltend, die Angebote der Stadt zu nutzen.

 

Was muss geschehen, sodass sich die Umsätze wieder normalisieren?

Was wir jetzt brauchen, sind Impulse, die wieder Lust machen, in Hamburg etwas zu unternehmen. Eine Kooperation mit den anderen norddeutschen Ländern wäre hier sinnvoll.

 

Wie wird die Krise nachwirken?

Der internationale Tourismus wird sicher noch länger auf einem niedrigen Niveau bleiben. Auch die Geschäftsreisen werden das Vorkrisenniveau nicht so schnell wieder erreichen. Zu verlockend sind die Zeit- und Kostenersparnisse durch Videokonferenzen.

 

In welchen Bereichen sehen Sie vor allem Handlungsbedarf?

Der Tourismusverband Hamburg e. V. sieht vor allem Handlungsbedarf in drei Bereichen. Zunächst sollten wir in der Stadt etwas bewegen. Die Hamburgerinnen und Hamburger sollten mit entsprechenden Kampagnen dazu ermuntert werden, ihre Stadt neu zu entdecken, ihre Lieblingsrestaurants zu besuchen, Freizeitaktivitäten zu nutzen oder in der City einzukaufen. Dafür bedarf es gezielter Ansprache, Informationen aber auch konkreter Kaufanreize. Wie beispielsweise von der Stadt finanzierte Gutscheine für Restaurantbesuche, Freizeiteinrichtungen oder zum Einkaufen.

Der zweite Bereich ist die Metropolregion. Vor der Krise kamen jährlich über 80 Millionen Tagesgäste nach Hamburg. Dieses große Potenzial gilt es nun wieder für einen Hamburg Besuch zu mobilisieren.

Beim dritten Punkt liegt der Fokus auf Deutschland: Auch im Deutschlandtourismus steckt ein großes Potenzial. Die Menschen wollen reisen und Hamburg ist ein großartiges Reiseziel. Wir müssen potentiellen Besuchern vermitteln, dass ein Wochenendtrip an die Elbe oder ein Abstecher auf dem Weg an Nord- und Ostsee vollkommen sicher ist und Hamburg mit vielen Attraktionen aufwartet.

 

Was muss passieren? Wenn alle an einem Strang ziehen und auch in die gleiche Richtung, dann ließe sich viel bewegen. Ich bin mir sicher, dass Hamburgs Tourismus damit gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte. Die Unternehmen können diese Aufgaben aber nicht alleine bewältigen. Wir brauchen die Unterstützung und Führung der Stadt, damit wir das Potential aus Tourismus und Freizeit mobilisieren können.

Darüber hinaus muss die Metropolregion ihr Marketing verstärkt auf das direkte Umfeld ausrichten. Neben einer regionalen Aussteuerung muss insbesondere die Vernetzung und Kooperationen der touristischen Leistungsträger innerhalb der Region vorangetrieben werden. Dazu sollten gute Service- und Informationsangebote den Menschen zeigen, wie dabei ihre Gesundheit geschützt wird. Vor allem muss es auch einheitlich umgesetzt werden. Empfehlungen und Vorschriften sollten im gesamten Norden gelten.